Gibt es sichere Aktien? – Die ehrliche Antwort die du dir wahrscheinlich nicht erhofft hast

Autor: Dominik Kassel

Ich werde oft gefragt: „Dominik, welche Aktien sind sicher?“ Auf Instagram. Per Nachricht. Im persönlichen Gespräch. Immer dieselbe Frage – mit einem leicht hoffnungsvollen Unterton. Als gäbe es irgendwo eine Liste. Eine Auswahl. Einen Geheimtipp, den die Profis kennen und die anderen nicht.

Meine Antwort ist keine, die jeder hören möchte. Aber ich werde sie trotzdem geben – weil Ehrlichkeit der Kern von allem ist, was ich hier tue.

Wirklich sichere Aktien gibt es nicht. Punkt. Keine einzige Aktie der Welt ist komplett risikofrei. Wer das verspricht, lügt. Oder versteht nicht, worüber er spricht.

Aber – und das ist das Entscheidende – das bedeutet nicht, dass alle Aktien gleich riskant sind. Es gibt Unternehmen, die strukturell so stabil, so verlässlich und so krisenerprobter sind, dass man sie mit einem guten Gewissen als das Ruhigste bezeichnet, was die Börse zu bieten hat. Kein Sparbuch – aber das Nächstbeste, das ich kenne.

In diesem Artikel zeige ich dir, was mich bei der Suche nach diesen Unternehmen leitet. Was ich unter einem möglichst sicheren Investment verstehe. Und warum genau diese Unternehmen seit Jahren den Kern meines Depots bilden.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ist keine Anlageberatung. Ich teile meine persönlichen Gedanken und Erfahrungen – keine Kaufempfehlung. Jeder trägt die Verantwortung für seine eigenen Entscheidungen.

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Warum die Frage nach sicheren Aktien so verständlich ist

Ich verstehe den Wunsch nach Sicherheit. Wirklich. Wir leben in einem Land, in dem das Sparbuch als Sinnbild für solides Sparen gilt. In dem Aktien historisch mit Zockerei, Dotcom-Blasen und Wirecard-Skandalen assoziiert werden. In dem der Begriff „Risiko“ automatisch negativ besetzt ist.

Und gleichzeitig – das Sparbuch wirft seit Jahren kaum noch Zinsen ab. Die Inflation frisst still und leise die Kaufkraft. Wer sein Geld auf dem Konto lässt, verliert real jedes Jahr. Das ist keine Panikmache – das ist Mathematik.

Also wenden sich immer mehr Menschen der Börse zu. Vernünftigerweise. Aber mit einer Erwartung, die die Börse nicht erfüllen kann: die Erwartung nach Sicherheit wie beim Sparbuch bei gleichzeitig höherer Rendite.

Diese Kombination existiert nicht. Wer mehr Rendite will, muss mehr Risiko akzeptieren. Das ist der unveränderliche Grundsatz jeder Geldanlage. Die Frage ist nur: Wie viel Risiko, von welcher Art, über welchen Zeitraum? Und genau dabei kann man sehr klug oder sehr unklug vorgehen.

Was Sicherheit an der Börse wirklich bedeutet

Wenn ich von möglichst sicheren Aktien spreche, meine ich nicht Aktien ohne Risiko. Ich meine Aktien, bei denen das Risiko kalkulierbar, historisch belegt und strukturell begrenzt ist.

Das klingt abstrakt – ist es aber nicht. Lass mich es konkret machen.

Ein Unternehmen das seit siebzig Jahren existiert, in über hundert Ländern täglich genutzte Produkte verkauft, seine Dividende seit fünfzig Jahren jedes Jahr erhöht hat, eine solide Bilanz ohne übermäßige Schulden führt und auch durch die Finanzkrise 2008 und die Coronakrise 2020 stabil geblieben ist – dieses Unternehmen ist nicht risikofrei. Aber sein Risiko ist anders als das eines Start-ups, eines hochverschuldeten Technologieunternehmens oder eines Unternehmens mit einem einzigen Produkt.

Das ist der Unterschied. Nicht sicher vs. unsicher. Sondern: Wie bewährt ist das Geschäftsmodell? Wie stabil die Bilanz? Wie verlässlich die Erträge – auch in schlechten Zeiten?

          Ich suche kein Investment ohne Risiko. Ich suche das kleinstmögliche Risiko mit dem größtmöglichen langfristigen Ertrag. Das ist ein großer Unterschied.

Was Krisen wirklich zeigen – und warum sie mein bester Lehrmeister waren

Als Immobilienmakler und Sachverständiger habe ich Krisen aus nächster Nähe beobachtet. Die Finanzkrise 2008. Regionale Markteinbrüche. Unternehmen die in Boomzeiten unbesiegbar wirkten und in Krisenzeiten zerbrachen.

Und ich habe etwas Entscheidendes gelernt: Krisen sind kein Problem – sie sind eine Offenbarung. Sie zeigen, welche Unternehmen wirklich solide sind und welche nur im Rückenwind des Aufschwungs gut aussehen.

Der Corona-Crash im März 2020 ist dafür ein perfektes Beispiel. Innerhalb weniger Wochen verlor der DAX rund vierzig Prozent. Der S&P 500 ähnlich. Panik überall. Viele Anleger verkauften aus Angst auf dem absoluten Tiefpunkt.

Und dann? Schaute man genauer hin, sah man: Nicht alle Unternehmen haben gleich gelitten. Während Airlines, Hotelketten und Einzelhandel tatsächlich existenziell betroffen waren – haben Unternehmen die Dinge des täglichen Bedarfs verkaufen fast unverändert weitergewirtschaftet. Menschen haben auch in der Pandemie Waschmittel gekauft. Windeln. Klopapier. Schmerzmittel. Gewürze.

Diese Unternehmen haben sich innerhalb weniger Monate vollständig erholt. Manche waren nach dem Crash sogar günstiger zu kaufen als je zuvor – obwohl sich an ihrem Geschäftsmodell rein gar nichts verändert hatte. Das ist der Moment, auf den geduldige Investoren warten.

Die drei Säulen möglichst sicherer Aktien – wie ich sie erkenne

Wenn ich ein Unternehmen als möglichst sicher einschätze, dann prüfe ich drei Bereiche. Nicht als formale Checkliste – sondern als Qualitätsrahmen, der mir ein Gesamtbild gibt.

Säule 1: Ein Geschäftsmodell das auch Krisen übersteht.

Ich suche Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen verkaufen, die Menschen unabhängig von der Konjunktur brauchen. Nicht Luxusgüter. Nicht zyklische Konsumgüter. Sondern Dinge die täglich, wöchentlich oder monatlich gekauft werden – weil sie zum Leben gehören.

Procter & Gamble. Johnson & Johnson. Kimberly-Clark. PepsiCo. McCormick. Diese Unternehmen verkaufen Dinge, die Menschen in der Rezession genauso kaufen wie im Boom. Diese strukturelle Nachfrageunelastizität ist für mich das stärkste Signal für ein krisensicheres Geschäftsmodell.

Dazu kommt Markenpower. Unternehmen mit starken, global bekannten Marken können Preise erhöhen ohne Kunden zu verlieren. Das schützt die Margen. Das schützt die Gewinne. Das schützt letztlich die Dividende.

Säule 2: Eine solide Bilanz mit gesunder Finanzierung.

Als Sachverständiger schaue ich auf die Bilanz eines Unternehmens ähnlich wie auf die Finanzierungsstruktur einer Immobilie. Wer zu viel Fremdkapital hat, ist in Krisenzeiten verwundbar. Wer solide eigenfinanziert ist, kann Stürme aussitzen.

Geringe Verschuldungsquote. Ausreichend freier Cashflow um die Dividende zu zahlen und gleichzeitig zu investieren. Eine Ausschüttungsquote die Spielraum lässt – nicht eine die jeden verdienten Euro sofort ausschüttet und bei einem einzigen schlechten Quartal in Gefahr gerät.

Unternehmen mit diesen Bilanzeigenschaften schlafen ruhiger. Und ihre Aktionäre auch.

Säule 3: Eine nachgewiesene Dividendenhistorie über Jahrzehnte.

Das ist für mich der wichtigste Filter überhaupt. Nicht weil Dividenden alles sind – sondern weil eine lange, steigende Dividendenhistorie das Ergebnis aller anderen Qualitätsmerkmale ist.

Ein Unternehmen, das seine Dividende dreißig Jahre lang jährlich erhöht hat, hat bewiesen: Es verdient verlässlich Geld. Es wirtschaftet nachhaltig. Es denkt langfristig. Es hat Rezessionen, Finanzkrisen, Branchenveränderungen überlebt – und hat dabei trotzdem mehr an seine Aktionäre gezahlt als im Jahr davor.

Das ist keine Theorie. Das ist ein historischer Beweis über Jahrzehnte. Und historische Beweise über Jahrzehnte sind die nächste Sache, die es an der Börse zu echten Garantien gibt.

ETFs als Einstieg – gut, aber nicht das Ende

An dieser Stelle möchte ich ehrlich über ETFs sprechen. Ich nutze sie – für mein Kinderdepot setze ich auf den Vanguard FTSE All-World als Fundament. ETFs sind für Einsteiger ein ausgezeichneter Start. Breit gestreut, günstig, einfach.

Aber ETFs kaufen alles. Die starken Unternehmen und die schwachen. Die profitablen und die, die sich kaum über Wasser halten. Man bekommt den Marktdurchschnitt – nicht mehr und nicht weniger.

Wer ausschließlich auf ETFs setzt, nimmt in Kauf, auch in Unternehmen investiert zu sein, die ich persönlich nie anfassen würde. Hochverschuldete Zombiefirmen. Unternehmen ohne klares Geschäftsmodell. Unternehmen die ihre Dividende kürzen oder einstellen.

Mein Ansatz deshalb: ETF als Fundament für breite Marktabdeckung – und gezielte Einzelaktien nach meinen Qualitätskriterien für den Dividendenstrom. Beides ergänzt sich. Beides hat seinen Platz.

Wenn dich das Thema Aktienqualität und Dividendenaufbau weiter interessiert – im Blog auf ReichanZeit.de findest du Dutzende weitere ehrliche Artikel dazu.

Was ich in der Krise gelernt habe – und was ich anders mache als viele

Ich habe in Krisenzeiten nicht verkauft. Das klingt einfach – in der Praxis ist es psychologisch sehr anspruchsvoll. Wenn überall Panik herrscht, wenn die Nachrichten nur Untergang melden, wenn das eigene Depot rote Zahlen zeigt – dann ist der Impuls zum Verkaufen mächtig.

Aber ich habe mir angewöhnt, in Krisen anders zu denken. Ich schaue nicht auf den Kurs. Ich schaue auf das Unternehmen. Hat sich an dem Geschäftsmodell etwas fundamental verändert? Ist die Bilanz noch solide? Zahlt das Unternehmen weiterhin Dividende?

Wenn die Antworten ja, ja und ja sind – dann ist ein Kursrückgang kein Verlust. Es ist ein Rabatt. Ein Moment, in dem ich mehr Anteile an einem guten Unternehmen kaufen kann als vorher. Fallende Kurse bei gleichbleibender Unternehmensqualität sind keine Gefahr – sie sind eine Gelegenheit.

Wer diesen Gedanken verinnerlicht hat, schläft besser in Krisenzeiten. Weil er weiß: Meine Unternehmen zahlen weiter. Meine Dividenden kommen weiter. Und wenn der Markt sich beruhigt, werden die Kurse folgen – wie sie es historisch immer getan haben.

Welche Branchen ich für möglichst sicher halte – und welche nicht

Nicht alle Branchen sind gleich. Das klingt offensichtlich – aber viele Anleger denken zu wenig darüber nach, in welche strukturelle Risikoklasse ein Unternehmen fällt.

Branchen die ich als strukturell stabiler einschätze sind Basiskonsumgüter – also Unternehmen die Dinge des täglichen Bedarfs verkaufen. Gesundheit und Pharma – weil Krankheit keine Konjunkturphase kennt. Versorgungsunternehmen wie Wasser- und Energieversorger – weil diese Nachfrage nahezu unelastisch ist. Und Entsorgung – weil Müll immer anfällt.

Branchen die ich mit mehr Vorsicht betrachte sind zyklische Industrien, Luxusgüter, Rohstoffe und alles was stark von einzelnen Technologieprodukten abhängt. Nicht weil diese Unternehmen schlecht wären – sondern weil ihre Geschäftsmodelle stärker von externen Faktoren abhängen, die ich nicht kontrollieren kann.

Das ist keine absolute Regel. Es gibt exzellente Unternehmen in zyklischen Branchen. Und es gibt schlechte Unternehmen in defensiven Branchen. Aber die Branche ist ein erster Filter – ein schnelles Signal dafür, ob ein Unternehmen strukturell in meinem Universum liegt.

Die ehrliche Antwort auf die Ausgangsfrage

Also – gibt es sichere Aktien?

Nein. Nicht im absoluten Sinne. Keine Aktie der Welt ist risikofrei. Jedes Unternehmen kann scheitern. Jeder Kurs kann fallen. Jede Dividende kann gestrichen werden – auch wenn es noch keine einzige gestrichene Dividende bei echten Dividenden-Aristokraten nach dreißig oder fünfzig Jahren gab.

Aber ja – es gibt Aktien, die so solide, so bewährt und so strukturell verlässlich sind, dass das Wort „sicher“ in einem relativen Sinne passt. Im Vergleich zu Spekulationen. Im Vergleich zu hochverschuldeten Wachstumsunternehmen. Im Vergleich zu Branchen, die jeden Konjunkturzyklus auf und ab schwingen.

Diese Unternehmen zu finden und geduldig in sie zu investieren – zu fairen Preisen, mit langem Atem und ohne Panik in Krisenzeiten – das ist meine Strategie. Nicht glamourös. Nicht aufregend. Aber ehrlich. Und in fast zwanzig Jahren als Investor hat mich diese Ehrlichkeit weiter gebracht als jeder Tipp, jeder Hype und jeder vermeintliche Geheimfund.

Ehrlicher Schluss – was du heute konkret tun kannst

Wenn du anfangen willst, möglichst solide zu investieren, dann sind das die drei Schritte die ich dir empfehle:

Erstens: Fang mit einem weltweiten ETF an. Vanguard FTSE All-World oder iShares Core MSCI World. Breit gestreut, günstig, automatisch. Das ist das Fundament.

Zweitens: Lerne Dividenden-Aristokraten kennen. Schau dir Unternehmen an, die ihre Dividende mindestens fünfundzwanzig Jahre in Folge erhöht haben. Lies ihre Geschäftsberichte. Verstehe ihre Produkte. Frag dich: Wird dieses Unternehmen in zwanzig Jahren noch existieren und mir Dividenden zahlen?

Drittens: Warte auf gute Einstiegskurse. Lass dich nicht von Hektik treiben. Gute Unternehmen zu einem fairen Preis kaufen ist besser als mittelmäßige Unternehmen zu einem günstigen Preis. Richte dir Kursalarme ein. Halte Pulver trocken. Und dann handle – ruhig, überlegt, ohne Emotion.

Das ist kein Geheimnis. Es ist kein kompliziertes System. Es ist das, was funktioniert – wenn man bereit ist, geduldig zu sein.

Und Geduld ist die einzige wirklich sichere Sache, die ich an der Börse kenne.

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